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"Es muss viel geschehen" (Titel der Autobiographie)
Zur Erinnerung an Professor Georg Zundel


von Reiner Braun

Georg Zundel verstarb am 11. März 2007 in Salzburg im Alter von 76 Jahren.

Wir werden ihn in Erinnerung behalten als Menschen, der mit wachen und aufmerksamen Augen sich, die Umwelt und die Gesellschaft betrachtete und durch vielfältige Initiativen und persönliches Engagement dazu beitrug, die Gesellschaft menschlicher und das Zusammenleben der Völker friedlicher zu gestalten.
Früh erkannte er, in welch enormer Gefahr unser Planet sich angesichts der atomaren Bedrohung und der Umwelt- und Ressourcenkrisen befindet.

Georg Zundel wurde am 17. Mai 1931 geboren. Seine Mutter, Paula Zundel, war eine Tochter des Firmengründers Robert Bosch; sein Vater, ein schwäbischer Maler, war in erster Ehe mit Clara Zetkin verheiratet.
Georg Zundel studierte Physik und wurde - unterbrochen durch Reisen u.a. nach Indien und Studienaufenthalte u.a. in der Sowjetunion (der Liebe zu Russland ist er ein Leben lang treu geblieben) - 1967 Professor für Physikalische Chemie an der Universität München.
Sein wissenschaftliches Wirken widmete sich vorrangig der Wasserbrückenforschung, die er bevorzugt mit Hilfe der Infrarotspektroskopie vorantrieb. Er entdeckte das Kation H5O2+ und dessen Bedeutung in der Elektrochemie sowie das "Zundel-Kontinuum", eine Absorption, die sich über große Wellenzahlenbereiche erstreckt. Das Kation H5o2+ ist heute in der wissenschaftlichen Literatur als "Zundel ion" bekannt.

Sein gesellschaftliches, vor allem sein friedenspolitisches Engagement wurde durch zwei Ereignisse beeinflusst, die beide die junge Bundesrepublik erschütterten und veränderten.

Wie viele Mitbürgerinnen und Mitbürger wandte sich der junge Zundel gegen die von der Adenauer-Strauß-Regierung 1956 vorangetriebene atomare Bewaffnung der Bundesrepublik. Der Physiker Zundel lehnte Atomwaffen aus politischen und ethischen Motiven prinzipiell ab. Die Atombombenabwürfe der Streitkräfte der USA auf Hiroshima und Nagasaki waren ihm eindringliche Warnung, der Appell von achtzehn berühmten deutschen Atomphysikern vom 12.04.1957 - die "Göttinger Erklärung" - mit seiner Selbstverpflichtung, sich nicht an der Entwicklung von Atomwaffen zu beteiligen, ein Leitmotiv für sein eigenes Handeln gegen die atomaren Massenvernichtungswaffen. Georg Zundel wurde durch Flugblattaktionen an der Universität, durch Teilnahme und Mitorganisation von Protestaktionen und Demonstrationen ein Mitstreiter in der Friedensbewegung der 50erJahre.
Der Überzeugung, dass eine friedliche Welt eine Welt ohne Atomwaffen sein muss, blieb Georg Zundel sein Leben lang ebenso verbunden wie der Auffassung, dass Wissenschaftler eine Verantwortung für die Aufklärung der Öffentlichkeit über die Gefahren von Massenvernichtungsmitteln tragen. In dieser Tradition wirkte er auch in der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) und der Naturwissenschaftlerinitiative "Verantwortung für den Frieden", später "für Frieden und Zukunftsfähigkeit" mit. Er beteiligte sich aktiv an der Gründung des International Network of Engineers and Scientists for Global Responsibility (INES).

Seit Beginn der 60er Jahre (mit dem Höhepunkt 1967/68) entwickelte sich in Deutschland eine politische Protestbewegung gegen die personelle und machtpolitische Restauration, gegen Rüstungspolitik und Kalten Krieg, gegen den Krieg der USA in Südostasien. Linke Organisationen wie der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) führten grundsätzliche gesellschaftliche Auseinandersetzungen über den Weg der BRD und die Lehren aus der Nazi-Zeit. Eine gesellschaftliche Debatte über Demokratisierung und gesellschaftliche Reformen, ja über grundlegende radikale politische Veränderungen ergriffen Teile der Intelligenz und der Gesellschaft, nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auch in Frankreich, Großbritannien, Italien, den USA und anderen Ländern. In deren Gefolge entwickelten sich neue emanzipatorische und kulturelle Wertkategorien, die die sozialen Bewegungen der 70er und 80er Jahre inhaltlich, personell und strukturell stark beeinflussten.

Für Georg Zundel bildeten diese Debatten einen Wendepunkt seines beruflichen und persönlichen Lebens. Mit großem Einsatz widmete er sich ab Anfang der 70er Jahre gesellschaftlichen Fragestellungen. Neben der Unterstützung vielfältiger friedenspolitischer nationaler und internationaler Initiativen, von Projekten der Konfliktbewältigung in verschiedenen Ländern der Erde widmete er einen großen Teil seiner Kraft und seines Engagements der "Berghof Stiftung für Konfliktforschung", die er 1971 gründete. Die Stiftung entwickelte sich zu einem Eckstein der Friedensforschung in Deutschland. Der Name der Berghof Stiftung erinnert an den "Berghof" bei Tübingen, das Elternhaus von Georg Zundel.
Besonders am Herzen lagen Georg Zundel Erhaltung und Schutz der Umwelt. Ökologisches Bewusstsein prägte sein persönliches und gesellschaftliches Handeln, vom Hausbau über Land -und Forstwirtschaft bis zu den wissenschaftlichen Forschungs-schwerpunkten der Stiftung.

Die Verantwortung des Wissenschaftlers war für ihn vielleicht das wesentliche Motiv seines Tuns, die Unterstützung von Whistleblowing und Whistleblowern eine zentrale Herausforderung. Die Stiftung fördert, maßgeblich von ihrem Stifter und Gründer beeinflusst, interdisziplinäre und anwendungsorientierte Projekte zur konstruktiven Konfliktbearbeitung sowie zu Schlüsselfragen von Naturwissenschaft und Ethik. In Anlehnung an die Zielsetzungen der Stiftung im Bereich der Konfliktbearbeitung und von der Stiftung getragen wurde 1993 das Berghof Forschungszentrum gegründet (www.berghof-center.org).

Die Arbeiten vieler Initiativen und Institutionen, wie auch die des Autors dieser Zeilen, konnten sich der Unterstützung der Berghof Stiftung erfreuen.

Georg Zundel erhielt in Würdigung seiner Tätigkeiten im Jahr 2003 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.

Wir verlieren mit ihm einen couragierten und streitbaren, einen uneigennützigen, jederzeit hilfsbereiten Streiter für eine friedliche Welt.


Reiner Braun, Geschäftsführer der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW), langjähriger Geschäftsführer der Naturwissenschaftlerinitiative und von INES


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