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Wissenschaftskontroversen im europäischen Hochschulraum

Der „Fall“ Prof. Linda Maria Koldau oder die Erzwingung einer notwendigen öffentlichen Debatte

Ein grenzüberschreitendes Trauerspiel

Von Annegret Falter

[Der komplette Text als PDF zum Download]

Das Urteil des Kopenhagener Kollegen war vernichtend: Die Universität Aarhus lasse den letzten Rest Anstand gegenüber der einst hofierten Professorin vermissen. Anscheinend gehe es nur noch darum, sie rauswerfen zu können oder aber sie zu demütigen, ihr einen Maulkorb zu verpassen und sie einer erniedrigenden Sonderbehandlung zu unterwerfen, die den Regeln akademischen Miteinanders Hohn spreche und zudem wahrscheinlich rechtswidrig sei. Die Universitätsleitung äußere sich nicht zu den Vorwürfen und weiche einer öffentlichen Debatte aus.

Zu diesem Ergebnis kam Anfang des Jahres 2012 Prof. Claus Emmeche, Kollege der deutschen Professorin für Historische Musikwissenschaft an der Universität Aarhus, Dr. Linda Maria Koldau. Er bezog sich auf eine Abmahnung von Koldau durch ihre Fakultätsleitung (Adversal, 6), verbunden mit „Bewährungsauflagen“, deren Nichteinhaltung zu Koldaus Kündigung[1] führen sollten. (S. seine prägnante Analyse (9); Übersetzung[2]).

Frau Koldau hat die Auflagen nicht akzeptiert. Sie ist insbesondere der Aufforderung, sich jedweder öffentlichen Äußerung in eigner Sache zu enthalten, nicht nachgekommen, sondern hat im Gegenteil die Öffentlichkeit gesucht - mit eigenen Stellungnahmen und Interviews. Sie hat damit eine heftige öffentliche Debatte ausgelöst.[3] Schließlich ist sie ihrer drohenden Entlassung, deren Abwendbarkeit seit der Abmahnung kaum mehr möglich schien, am 25.3.2012 durch eigene Kündigung zum Jahresende 2012 zuvorgekommen und nach Deutschland zurückgekehrt. Die Debatte in Dänemark aber geht weiter.[4]

Was war passiert und warum dokumentiert die VDW den Vorgang auf ihrer Homepage?

 

Der Anfang

Frau Koldau wandte sich Ende 2011 an den VDW-Arbeitsbereich "Wissenschaftsethische Verantwortung und Whistleblowing“ und schilderte uns die Konfliktsituation an ihrem Institut, dem Institut für Ästhetik und Kommunikation (vormals Institut für Ästhetische Disziplinen) der Universität Aarhus. Ihrer Ansicht nach hat sich der Konflikt zwischen ihr und Mitgliedern des Instituts ursächlich an unterschiedlichen Auffassungen zur musikwissenschaftlichen Bildung und Ausbildung sowie zur Aufgabenzuschreibung ihrer Professur entzündet.

Die Musikwissenschaft wird im internationalen Fachdiskurs im Allgemeinen in folgende Bereiche untergliedert: Historische Musikwissenschaft, Systematische Musikwissen-schaft undMusikethnologie, innerhalbderer es wiederum unterschiedliche Schulen, Richtungen und Forschungsschwerpunkte gibt.[5]

Frau Koldau, die im Mai 2009 offensichtlich aufgrund ihres exzellenten Rufs und der Vielzahl ihrer Fachpublikationen in einem „Headhunting“-Verfahren ohne Ausschreibung an die Universität Aarhus berufen worden war (1; 9)[6], ist Professorin für Historische Musikwissenschaft. Da ihre Vorgänger auf dem Lehrstuhl an der Universität Aarhus ebenfalls historische Musikwissenschaftler waren, ging sie davon aus, dass sie, wie international üblich, gemäß ihrer fachlichen Identität arbeiten sollte. Das, so Koldau, sei ihr bei den Berufungsgesprächen auch so vermittelt worden.[7]

Die Konzentration auf Historische Musikwissenschaft wurde ihr in Aarhus dann jedoch nicht zugestanden. Vielmehr sollte sie vor allem in der Systematischen Musikwissenschaft unterrichten und das in einem berufsorientierten, von ihr später scharf kritisierten Curriculum, bei dem die Kursusinhalte und pädagogischen Methoden von vornherein festgelegt sind. Die international übliche Dreiteilung des Faches wird in Aarhus nicht (mehr) nachvollzogen und das dänische Universitätssystem erlaubt es, Professoren die von ihnen zu unterrichtenden Kurse von Seiten der administrativen Leitung zuzuweisen.

Wie es in einem Berufungsverfahren zu einem derartigen grundlegenden Missverständnis kommen konnte (vgl. 2), hat sich uns bis heute nicht erschlossen. Das Gutachten zu ihrer Direktberufung (1) hebt allerdings eindeutig auf Koldaus kulturhistorische Qualifikationen ab. Ein eigenes Anforderungsprofil für den Lehrstuhl wird dort hingegen nicht dargelegt. Wir haben uns mit dieser Frage an die Universität gewandt (Dok. I), ohne eine Antwort zu erhalten. Dabei ist der Fall Koldau geeignet, auf grundsätzliche mögliche Verwerfungen in einem „gemeinsamen europäischen Hochschulraum“ aufmerksam zu machen. Und es ist im individuellen Fall Koldau wie im Grundsätzlichen angebracht, Kommunikationsprobleme und verschiedene Auffassungen von Wissenschaftsfreiheit zu benennen und aufzuarbeiten.

 

Die Eskalation

Schon bald fühlt sich Frau Koldau gemobbt und erkrankt häufig. Ärzte bescheinigen ihr den ursächlichen Zusammenhang mit ihrer konfliktträchtigen Arbeitssituation. Nachdem sie intern kein Gehör findet, reagiert sie schließlich öffentlich mit harscher Kritik am dänischen Universitätssystem im Allgemeinen und am Niveau der Musikwissenschaft in Aarhus im Besonderen. Im Sommer 2011 äußert sie sich verschiedentlich negativ in dänischen Medien (vgl. 5: „Dänische Geschichtswissenschaften sind ein Skandal. Teufelskreis der Dummheit.“)[8] Dies verschärft den schwelenden Konflikt und führt zu weiteren tiefgreifenden Zerwürfnissen mit ihren KollegInnen.

Die Fakultätsleitung bestellt daraufhin zwei "Consultants", die die Konfliktsituation an der musikwissenschaftlichen Abteilung, insbesondere die Kooperationsprobleme und Koldaus Mobbingvorwürfe, klären sollen. Die Consultants genügen nach unseren Informationen den Geboten der Unabhängigkeit und Unparteilichkeit, welche ein solches Verfahren erfordert, nicht.

Anfang 2012 legen sie ihren Bericht vor, in dem sie Frau Koldau allein verantwortlich für den Konflikt machen und die Mobbingvorwürfe zurückweisen. Nun erhält sie von der Dekanin der Humanistischen Fakultät, Mette Thunø, die eingangs erwähnte Abmahnung, in der ihr die Entlassung angedroht wird für den Fall, dass sie die "Bewährungsauflagen" nicht erfülle (6). Eine mit Auflagen verbundene Abmahnung sieht das dänische Rechtssystem für den Wiederaufbau beschädigter Arbeitsbeziehungen vor. Mit den Frau Koldau zugemuteten Verhaltensregeln kann dieses Ziel jedenfalls nicht verfolgt worden sein:

1.    „Sie sollen daran mitwirken, die zusammenarbeitsmäßigen Relationen zu den Kollegen an der Abteilung für Musikwissenschaft wiederaufzubauen. Dies beinhaltet, dass Sie sich konstruktiv am fachlichen Dialog beteiligen sollen, und das soll in einem urbanen und entgegenkommenden Ton geschehen.
Sie sollen sich dessen enthalten, die vertrauensbasierte Kommunikation zu unterminieren, indem Sie die Vertraulichkeit brechen.
Sie sollen anerkennen und respektieren, dass an der Abteilung für Musikwissenschaft unterschiedliche fachliche Ansichten existieren.

2.    Sie sollen akzeptieren, dass ein von mir ernannter Consultant an allen Sitzungen teilnimmt, die Charakter der Zusammenarbeit haben, z.B. Lehrersitzungen, Planungssitzungen und Sitzungen, die mit Teamarbeit verbunden sind. 
Sie haben die Pflicht, an allen Sitzungen dieser Art teilzunehmen, wie auch an allen anderen relevanten Sitzungen der Abteilung.

3.    Ihre tägliche Anwesenheit in der Abteilung soll wesentlich erhöht werden, so dass Sie ca. im Umfang eines normalen Arbeitstags anwesend sind. Sind Sie verhindert, in einem solchen Umfang zur Stelle zu sein – weil Sie andere berufliche Tätigkeiten außerhalb der Universität haben –, ist dies dem Institutsleiter Niels Lehmann zu melden.

4.    Sie sollen die Mobbingklage schriftlich zurückziehen und dabei jeden einzelnen Kollegen um Entschuldigung bitten. Ich habe einen Konzeptvorschlag beigelegt, wie die Zurückziehung der Klage und die Entschuldigung aussehen kann.

5.    Sobald die beabsichtigte Entlassungswarnung in Gang gesetzt ist, wird sie drei Monate lang gelten.
Institutsleiter Niels Lehmann wird den Bedarf für eine laufende Evaluierung einschätzen. Es wird eine abschließende Evaluierung spätestens drei Monate nach dem Beginn der Verwarnung durchgeführt.“

 

Schreiben der VDW

Wir maßen uns nicht an, in der musikwissenschaftlichen Debatte fachspezifisch Stellung zu beziehen. Wir sind allerdings der Überzeugung, dass es einem qualifizierten Wissenschaftler/einer Wissenschaftlerin jederzeit möglich sein muss, sich in allen Angelegenheiten akademischer Forschung und Lehre frei zu äußern. Wir sind, gerade auch aus der Tradition unserer Wissenschaftlervereinigung heraus, der Meinung, dass die Reflexion der eigenen Lehr- und Forschungstätigkeit und ihrer Bedingungen nicht nur zu den unveräußerlichen Rechten, sondern gerade zu den Pflichten verantwortlicher Wissenschaft gehört. Denn Wissenschaft ist um den Preis ihrer Qualität abhängig vom freien Diskurs und der dafür notwendigen Transparenz. Diese ist schließlich auch eine Funktionsvoraussetzung des wissenschaftspolitischen Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesses in einer Demokratie.
Es erscheint uns von daher äußerst befremdlich, dass die öffentlichen Meinungsäußerungen von Frau Koldau zu strukturellen Problemen musikwissenschaftlicher Lehre und fachlicher Standards ihr als dienstliches Fehlverhalten angelastet werden. Zuvor war mit Verweis auf die angebliche „kollegiale Vertraulichkeit“ (ein „mystischer ad hoc-Begriff“, Prof. Heine Andersen) von vermeintlichen „Personalangelegenheiten“ und eine ihr obliegende Schweigepflicht, Frau Koldau unter Androhung des Rauswurfs ein Maulkorb verpasst worden.[9] Das bedeutet aus unserer Sicht eine flagrante Verletzung ihres Grundrechts auf freie Meinungsäußerung, das auch in Dänemark jedenfalls durch die Europäische Menschenrechtskonvention (Art. 10 EMRK) garantiert ist.Frau Koldau ließ sich dieses Recht nicht nehmen und fragte die Dekanin in einem offenen Brief (8) zu Recht:

„Und warum soll an der Aarhus Universitet unter allen Umständen alles intern bleiben? Sie versuchen, mich an fiktive Absprachen über ”Vertraulichkeit” und ”Loyalität” zu binden, die niemals getroffen worden sind. Sie bedrohen mich, sollte ich etwas von den Konsulentenberichten veröffentlichen. Das tue ich nicht – obwohl sie ausschließlich negativ über mich reden, während alle anderen Namen geschwärzt sind. Warum ist es ein Problem für Sie, dass der Inhalt der Berichte bekannt wird, wenn sie doch alleine mich in ein schlechtes Licht setzen?

Warum hat es die Aarhus Universitet so schwer damit, öffentlich dafür einzustehen, was sie tut und wie sie mit ihren Angestellten umgeht?“

 

All diese Vorgänge waren Gegenstand unserer Fragen (Dok.I; VDW-Schreiben vom 20.2.2012) an die Dekanin der Fakultät und den Rektor der Universität: Handelte es sich um Kommunikationsprobleme? Welche vertraglichen Absprachen wurden bei der Einstellung der neuen - ausländischen – Hochschullehrerin getroffen? Welche Schritte wurden angesichts offensichtlicher Missverständnisse von Seiten der Universitätsleitung unternommen, unterschiedliche wissenschaftliche und pädagogische Auffassungen in einem offenen und freien Diskurs fakultätsintern angemessen zu klären und auf diesem Wege einer Eskalation der Konflikte zu begegnen - anstatt sie zu vertraulichen Personalangelegenheiten zu erklären?

Frau Koldau hält die Kritik ihrer Kollegen und Vorgesetzten in keinem einzigen Punkt für berechtigt. Sie hat deren persönliche Haltung verschiedentlich auf das „Jante-Gesetz – Janteloven“ zurück geführt. Die Bedeutung von „Janteloven“ ist schwer zu fassen. Es handelt sich angeblich um ein weitverbreitetes skandinavisches Verhaltensmuster. Man kann es formal als Gebot des bigotten Understatement und inhaltlich als Anpassungsdruck an die Bezugsgruppe und systematische Deckelung des individuellen Selbstwertgefühls bezeichnen. „Janteloven“ steht auch für die Stereotype „sozialdemokratischer Gleichmacherei und Entmündigung“ in Skandinavien, durch die persönliche Leistungsbereitschaft und Streben nach „Exzellenz“ untergraben würden. Wer sich mit den implizierten Verhaltenscodices nicht auskenne, etwa als Ausländer, oder sie nicht akzeptiere, stehe auf verlorenem Posten und könne sich nur in die Resignation flüchten.[10] D.h. viele Differenzen sind für Koldau auf eine unterschiedliche politische Universitätskultur sowie Mentalitätsunterschiede zwischen Deutschen und Dänen zurück zu führen, wobei „die Dänen“ bei ihr schlecht wegkommen. So ist denn auch eine persönliche Dimension in den Auseinandersetzungen nicht zu verkennen. (Vgl. Klaus Wivel in Weekendavisen v. 1.6.2011, Beilage 4).

Ihre strukturell bezogene Kritik an der Lehre in Aarhus und am dänischen Universitätssystem formuliert Koldau sehr pointiert in der Zeitung „Weekendavisen“ vom 1.6.2011 (4) und „Politiken“ vom 11.6.2011 (5). Der dritte Band ihrer Trilogie „Jante Universitet“ behandelt umfassender „die fatalen Folgen des ‚New Public Management‘ für das Universitätssystem in Europa und weltweit“[11].

 

Unser Schreiben vom 20.2.2012 (Dok.I) mit Fragen an die Aarhus Universitet sowie unser späteres Erinnerungsschreiben mit der Ankündigung, die uns zugänglich gemachten Dokumente veröffentlichen zu wollen, wurden nie beantwortet, ohne dass die Nichtbeantwortung auch nur begründet worden wäre.[12] Wir stellen die Dokumente nun auf unsere Website, weil wir den gesamten Vorgang nicht als eine „inneruniversitäre“ oder „dänische“ Angelegenheit betrachten. Vielmehr berührt er allgemeine Fragen der Wissenschaftsethik, der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Verantwortung und der Geltung demokratischer Grundrechte in der Wissenschaft. Diese müssen wir im europäischen Hochschulraum öffentlich diskutieren.

Zudem lassen sich einige hoch problematische Tendenzen der universitären Bildung, die Koldau ganz konkret an der Ausbildung der Studierenden der Musikwissenschaft in Aarhus aufzeigt, ebenso in den Wissenschaftssystemen anderer am Bologna-Prozess beteiligter Staaten wieder finden. Auch dadurch gewinnt der Fall seine exemplarische Bedeutung (vgl. 21). Man hat bisweilen den Eindruck, dass Frau Koldau der Universität Aarhus Strukturveränderungen ihres Faches anlastet, die auf den europaweit mit dem Konzept des „New Public Management“ und der Einführung des Bachelor einhergehenden Umbau der Universitätsausbildung zurück zu führen sind.[13] Sie haut, sozusagen, den Aarhus-Sack und meint womöglich den Bologna-Esel.[14]

Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang auf den inszenierten europaweiten Konkurrenzdruck unter den Universitäten - dem die deutsche Professorin Koldau möglicherweise auch ihre Berufung verdankte (Klaus Wivel, 4). Konkurriert wird um Studenten, um staatliche und private Fördermittel, um eine renommierte Professorenschaft, Reputation und die beste Positionierung für Exzellenzinitiativen und fragwürdige Rankings – was wiederum interdependente Größen sind.[15] Die Verkürzung der Studienzeit[16] als ein Kernelement des Bologna-Prozesses hat in vielen Fällen eine Verschulung des Studiums mit Regelstudienzeit und Anwesenheitspflichten zur Folge, die Nachdenklichkeit, Selbständigkeit und Kreativität bedroht. Entsprechend werden Examensanforderungen verändert. Nicht examensrelevante Lehrinhalte fallen dann entweder ganz aus dem Curriculum heraus oder werden von zeitlich überforderten Studenten gezwungenermaßen wenig besucht. Examensrelevanz wiederum bemisst sich an der beruflich-ökonomischen Verwertbarkeit von Wissen und „Kompetenzen“. „Kompetenzen“ sollen Erwerbstätigkeit in einer rasch sich wandelnden, globalisierten Welt sichern, in der Wissen schnell veraltet und – scheinbar – nutzlos wird. Bildung verkommt in einer solchen Variante der Ausbildung zum reinen Wachstumsfaktor. „Der Bologna-Prozess wurde hinter unserem Rücken vom Lissabon-Prozess gekapert “, kritisiert der VDW-Vorsitzende Ulrich Bartosch, der von Seiten des DAAD als Experte am deutschen Reformprozess beteiligt ist und zusammen mit anderen Gegenimpulse zu setzen versucht.[17]

Ob hinter unserem Rücken oder vor unseren Augen – auf die Frage: „Kann es sich eine Wissensgesellschaft leisten, dass die Mehrheit der Akademiker nach lediglich sechs Semestern abschließt, so wie es beim Bachelor vorgesehen ist?“, antwortet der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Horst Hippler: „Definitiv nein.“ (SZ v. 14. 8.2012)

Betroffen sind v.a. die geisteswissenschaftlichen Fächer, die entweder abgeschafft oder auf vermeintliche Praxisanforderungen zurechtgestutzt werden. Das wiederum gefällt Hippler, selber Professor für Physikalische Chemie: „Zudem musste man für die Reform die Lehrinhalte entschlacken und modernisieren, vor allem in den Geistes-wissenschaften. Das wäre ohne Bologna wohl nicht passiert.“

An der Universität Aarhus macht Frau Koldau dies u.a. an der geringen Geltung der historischen Musikwissenschaft und der Konzentration auf kulturtheoretische und musiksystematische Themen für „berufsorientierte“ Studiengänge fest (2). Der zusammengepresste Stoff der drei musikwissenschaftlichen Bereiche in der verkürzten Studienzeit überfordere zudem die Studierenden dermaßen, dass Stressbewältigungskurse angeboten würden. Koldaus Schilderungen klingen bisweilen wie Realsatire: So bräuchten Master-Studierende der Musikwissenschaft keine Noten mehr lesen zu können.

Dies alles ist Koldau ein Graus. „An dänischen Universitäten wird ständig über Kompetenzen geredet“, schreibt sie. „Aber in einer akademischen Ausbildung geht es im Grunde einzig und allein darum, die Studierenden in einer entscheidenden Kompetenz zu schulen: Sachverhalte auf eine selbstständige und kritische Weise erkennen und beurteilen zu können.“[18](5)

Dazu bedarf es der wissenschaftlichen Bildung und nicht nur einer „zweckgebundenen Qualifikationsproduktion“ (Bartosch).“[19] Der Soziologe Ulrich Beck konstatierte schon vor einem Jahrzehnt: „Der Humboldtsche Bildungsbegriff ist moderner denn je. Fast alle scheinbar ewigen Formen, Unsicherheit zu bewältigen, verlieren an Bedeutung – Familie, Ehe, Geschlechterrollen, Klassen, Parteien, Kirchen, zuletzt auch der Wohlfahrtsstaat. Auf diese Vervollkommnung der Unsicherheit gibt es bislang nur drei Antworten: Bildung, Bildung, Bildung!“[20]

 

Der letzte Akt

Hervorheben möchten wir abschließend, dass allein durch die unerschrockenen Meinungsäußerungen von Frau Koldau („Schreiberei in der Presse“ - vgl. 8) eine heftige, fortgesetzte Debatte zu Fragen der universitären Bildung, ihrer Strukturen und Leitungskompetenzen, aber vor allem auch der Meinungsäußerungsfreiheit an dänischen Universitäten ausgelöst wurde. Frau Koldau hat in der breiteren Debatte viel Zustimmung erhalten. Insbesondere der „mystische ad hoc-Begriff“ (15) der „kollegialen Vertraulichkeit“ wurde vernichtend kommentiert. Der könne, wenn die Gesellschaft es denn zuließe, eine perfekte Schutzfunktion für klandestine Machenschaften, Mauscheleien, rechtswidrige Repressalien sowie die Unterdrückung von Kritik und offener Diskussion in der Wissenschaft entfalten. Noch sei er im Rechtssystem nicht verankert. Es gelte ihn rechtzeitig abzuwehren.

Große Hoffnung wurde dabei auf die Stellungnahme der dänischen Ombudsman-Be-hörde gesetzt. Vergebens, wie sich inzwischen herausstellte:

Nachdem Frau Koldau den unerhörten „Bewährungsauflagen“ ihrer Dekanin in einem offenen Brief eine Absage erteilt hatte (8), schaltete sich die dänische Ombudsman-Behörde ein. Auch die Rolle dieser angesehenen, ur-skandinavischen Institution erscheint uns in diesem Konfliktfall fragwürdig. Obwohl sie nach Ruchbarwerden der „Bewährungsauflagen“ angekündigt hatte, die Grenzüberschreitungen der Universität untersuchen zu wollen, nahm sie nach Koldaus eigener Kündigung davon wieder Abstand. Ihr Vorsitzender bezeichnete die Kündigung, die doch aufgrund von Drohungen und Repressalien und unter den Bedingungen eines eklatanten strukturellen Kräfteungleichgewichts zustande gekommen war, als einen „Vergleich“; denn die Universität habe die strittigen Bewährungsauflagen ja im Gegenzug zurückgenommen. - Diese Ombudsman-Entscheidung geht am Kern der Auseinandersetzung vorbei.

Dabei darf nicht unerwähnt bleiben, dass der Vorsitzende der Behörde, Jørgen Steen Jørgensen, gleichzeitig als Honorarprofessor an der Universität Aarhus angestellt ist (vgl. 23b).

Eingangs haben wir die Frage gestellt, warum die VDW die Dokumente des „Falles Koldau“ oder besser, des „Falles Universitet Aarhus“ auf ihre Homepage stellt. Dazu möchten wir noch einmal den dänischen Kollegen Claus Emmeche zu Wort kommen lassen, dessen Perspektive auf den Fall wir weitgehend teilen. Er erwägt die Frage, ob Prof. Koldau sich – nachträglich betrachtet – vielleicht hätte anders verhalten können, und kommt zu folgendem Schluss:

„Aber ja, sie hätte viel früher sich der Strategie verweigern können, die die AU-Spitze (Aarhus Universitet, A.F.) benutzt, um Fälle wie ihren als „Personalangelegenheit“ zu behandeln. Sie hätte von dem Tag an, als der Konflikt sich für sie klar abzeichnete, darüber schreiben können, über das Ganze, ganz subjektiv, auf einem persönlichen Blog, und damit hätte sie alles veröffentlichen sollen. Und sie hätte auf diese Weise Gegenbeiträge und Kommentare von denen ermöglicht, die es wie sie selbst wagen, sich öffentlich zu Wort zu melden. Schade, dass sie nicht von anderen AU-Kollegen Hilfe in internetbasierter Kommunikation erhielt, in sozialen Medien und ähnlichen Expertengebieten. Das hätte vermutlich die Luft nicht ganz reinigen können, aber das hätte AUs Betonbunker einer verschlossenen Medienstrategie ein Bein gestellt und vielleicht die Leitung dazu bewegt, konstruktiv zu handeln.“

 

Unsere VDW-Arbeitsgruppe, die sich für Transparenz und Öffentlichkeit in der Wissenschaft im Allgemeinen und für Whistleblowing im Besonderen einsetzt, möchte Frau Koldau in diesem Sinne noch nachträglich Gelegenheit geben, wichtige Dokumente ihres „Falles“, auch die der „Gegenseite“, bei uns zu veröffentlichen und damit einer breiteren deutschsprachigen Öffentlichkeit zugänglich zu machen.[21] Man wird vor dem Berg von Unkenntnis, Verständnislosigkeit, Vorurteilen, Revierverhalten und persönlichem Leid erschrecken. Vielleicht gelingt es uns dennoch, durch Herstellung von Transparenz zu einem etwas besseren wechselseitigen Verständnis der beteiligten scientific communities zweier benachbarter europäischer Länder beizutragen. Die Schaffung eines ”gemeinsamen europäischen Hochschulraums” ist das vorderste Ziel der Bologna-Reform. Es bedarf offensichtlich noch großer Anstrengungen, es zu erreichen.

 

Nachbemerkung

Nach ihrer Kündigung zum Jahresende 2012 hat Frau Koldau damit begonnen, ihre eigenen Erfahrungen an der Aarhus Universitet im größeren Kontext struktureller Veränderungen des europäischen Wissenschafts- und Universitätssystems analytisch aufzuarbeiten. Herausgekommen ist eine Trilogie mit dem Titel „Jante Universitet“, deren erste beiden Bände Mitte März im Hamburger Verlag tredition erscheinen. Der dritte Band soll Ende August herauskommen.



[1]Dänische Professoren haben keine Anstellungssicherheit (tenure) und sind prinzipiell kündbar.

[2]Alle Übersetzungen aus dem Dänischen wurden von L.M. Koldau vorgenommen. In Klammern gesetzte Ziffern beziehen sich auf die Beilagen-Liste (Dokument III).

[3]Beilage 4: Artikel in Weekendavisen 1. Juni 2011 (dänisch, ausschnittweise in Beilage 9 übersetzt);Beilage 11a-d: Artikel in Dagbladet Information v. 12.-14. Februar (dänisch/deutsch); Beilage 14: Analyse Kaare Fog in Magisterbladet (dänisch/deutsch); Beilage 18: Dagbladet Information zu Zensur an der AU (dänisch/deutsch); Beilage 23a: Kommentare von Lise Richter (Dagbladet Information).]


[4]Mikael Busch, in: Jyllands-Posten v. 2.1.2013: „Die Debatte, die man intern nicht zu führen vermochte oder nicht führen wollte, ist somit in die Öffentlichkeit verlagert worden – und dies mit großem Nachdruck. Linda Koldau, dieignoriert, gemobbt und zuletzt zu einer Art Büroarrest hinter den gelben Ziegeln an der Aarhus Universität verdonnert wurde, ist zu einem Katalysator für eine durchgreifende, nationale Debatte über Fehler und Mängel in unserem gesamten Ausbildungssystem geworden. Und das ist im Grunde keine geringe Sache.“.

[5]z.B. Helmut Rösing et al., Musikwissenschaft. Was sie kann, was sie will. Reinbek, 2000.

[6]Kommentar Klaus Wivel in Weekendavisen, 1.6.2011: Sie sollte die Zielsetzung des Rektorats erfüllen, Aarhus auf die Weltkarte zu setzen. (...) So wie die Aarhus Universität kennt auch Koldau ihren eigenen Wert. Trotz ihres jungen Alters – sie ist noch nicht 40 – hat sie sechs Forschungsgebiete und 90 Publikationen, wovon die meisten peer-reviewed sind. Sie hat Bücher unter anderem über venezianische Kirchenmusik und Frauen im Musik- und Kulturleben der Renaissance geschrieben, aber auch über ganz moderne Themen wie Filmmusik und den U-Boot-Mythos. Zur Zeit arbeitet sie über Sturmfluten. Außerdem hat sie in Deutschland, den USA und Südkorea gelehrt – vor zwei Jahren wurde sie von ihren Studierenden an der Universität Frankfurt am Main zur Universitätslehrerin des Jahres gekürt. Eine internationale Universität hatte eine internationale Forscherin bekommen. Niemand an ihrem neuen Institut hatte so viel publiziert. Niemand hat so vornehme Beurteilungen. Und die neue Professorin war darüber hinaus auch noch die jüngste unter allen ihren fest angestellten Kollegen.

[7]„Die Berufungsgespräche wurden mit einer Strategie geführt, die – wie ich erst später erfuhr –, charakteristisch für die Leitung der Universität Aarhus ist: Als interessierte Kandidatin habe ich selbstverständlich alle meine Bewerbungsmaterialien vorgelegt, die meine Qualifikation als Musik- und Kulturhistorikerin beweisen. In den Gesprächen haben wir ausschließlich über meine kulturhistorischen Arbeitsgebiete und Netzwerke gesprochen, und ich habe dargelegt, in welchen Bereichen ich unterichten und welche Projekte ich in Aarhus initiieren könnte. Die Dekanin und der Institutsleiter haben zu allem ausdrücklich ja gesagt. Wir haben unsere Absprachen mit Handschlag besiegelt. Als Professorin, die von internationalen Standards, auch in formalen Dingen, ausgeht, habe ich diesen Zusagen geglaubt und nicht darauf bestanden, dass alles im Detail schriftlich festgehalten wird. Immerhin wird eine Professorin international wegen ihrer Qualifikationen angestellt, in denen sie dann auch in Forschung und Lehre arbeiten soll. Als sich später herausstellte, dass meine Qualifikation und meine historische Arbeit in keiner Weise erwünscht sind, erhielt ich bei dem einzigen Gespräch, wo überhaupt meinerseits eine Frage zugelassen wurde, die Antwort des Institutsleiters: „Wir haben Ihnen am 7. Mai 2009 gesagt, dass wir am Institut für Ästhetische Disziplinen ausschließlich kulturtheoretisch arbeiten, und dazu haben Sie ja gesagt.“ Ich wurde also gezielt getäuscht. Ein dänischer Anwalt für Arbeitsrecht hat mich am 3. August 2011 darüber informiert, dass die Universität Aarhus bei meiner Anstellung gegen geltendes Recht verstoßen hat: Sie hätten mir eine genaue Stellen- und Aufgabenbeschreibung geben müssen. In meinem Vertrag ist dagegen keine Rede von meinen Aufgaben.“

Mail v. 4.1.2013

 

[8]Zu Titel und Untertitel ist allerdings anzumerken, dass sie so nicht von Frau Koldau stammen, sondern – wie im Pressegeschäft üblich – von der Redaktion teilweise aus dem Text isoliert und zwecks Skandalisierung als Motto über den Textbeginn gesetzt wurden.

[9]Dieser Aspekt wurde in der Mediendebatte im Februar-April 2012 aufgegriffen und angeprangert: Die Universitätsleitungen hätten über viele Jahre hinweg eine "Kultur des eingeschüchterten Schweigens" (Schweigetyrannei: tavshedstyranni) geschaffen. Das sei der Grund, warum Koldaus Fall eine solche Aufmerksamkeit erregt habe: Laut „Politiken“ ist er "der Funke, der den lange schwelenden Zorn der Professoren in ein offen loderndes Feuer verwandelt hat" (24. Februar 2012). Mikael Busch (2. Januar 2013) bescheinigt Koldau eine Katalysatoren-Funktion: Die Tatsache, dass sie es gewagt habe, an die Öffentlichkeit zu gehen, habe vielen Studierenden den Mut gegeben, endlich den Mund aufzumachen.

Vgl. auch Beilage 14, Kaare Fog: "Wir, die wir nicht an der Universität arbeiten, müssen für unsere schweigenden Kollegen den Mund aufmachen."

 

[10]  Die Vorstellung geht zurück auf den Roman des dänisch-norwegischen Autors Aksel Sandemose „Ein Flüchtling kreuzt seine Spur“ (1933), der in der provinziellen Enge der fiktiven dänischen Kleinstadt Jante spielt.

Vgl. B. 9, Anm. 3 sowie B. 24.

[11]E-Mail v. 11.2.2013.

[12]Wir können deswegen nicht ausschließen, dass uns ggf. wichtige Argumente der Universitätsleitung nicht bekannt geworden sind.

[13]Vgl. dazu u.a. Richard Münch: Globale Eliten, lokale Autoritäten. Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von PISA, McKinsey & Co., Frankfurt a.M., 2009.

[14]In ihrem Buch „Jante Universitet“ widmet Koldau dem Bologna Prozess ein Kapitel. Dort vertritt sie u.a. die These, Bologna diene der dänischen Universitätsverwaltung zur Rechtfertigung und weiteren Förderung von Strategien, die die Universität letzten Endes zerstörten. Es sei aber richtig, auf Bologna als größeren Kontext hinzuweisen, da das dänische System vor Augen führe, wohin der Bologna-Prozess im Extrem führen und wie er sogar missbraucht werden könne. E-Mail v. 4.1.2013.

[15]Kritisch dazu u.a. Richard Münch, Die akademische Elite. Zur sozialen Konstruktion wissenschaftlicher Exzellenz. Frankfurt a.M., 2007;ders., Der Kampf um die Autonomie der Wissenschaft. Wie Rankings die Wissenschaft für externe Interessen instrumentalisieren und die wissenschaftlichen Fachgesellschaften herausfordern, in:http://soziologie.de/blog/?p=624(eingesehen am 4.1.2013).

[16]„Man sagt ‚Bachelor‘ und setzt die McDonaldisierung der deutschen Universität in Gang: Fast Food entspricht Fast Education.“ Ulrich Beck, in: ZEIT ONLINE v. 11.11.2004.

[17]Ulrich Bartosch, Die Europäisierung der Hochschullandschaft und die Einführung von Qualifikationsrahmen, in: Erziehungswissenschaft 21 (2010) 41, S. 73-91.

[18]Weiter heißt es: „Diese Kompetenz kann in vier einfachen Schritten eingeübt werden: Die Studierenden sollen lernen,

  1. wie man ein gegebenes Thema durch selbstständige Recherche untersucht (unter Einbeziehung von Quellen und Sekundärliteratur; die Quelle kann beispielsweise ein Film, eine antike Vase oder eine moderne Novelle sein);
  2. eine Aufgabenstellung innerhalb dieses Themas zu formulieren;
  3. eine passende Strategie auszuarbeiten, um die Aufgabe zu lösen;
  4. das Resultat in einer klaren und verständlichen Sprache zu darzulegen.

Das ist alles. Wenn die Studierenden dies gelernt haben, können sie Aufgaben in welchem Beruf auch immer verstehen und lösen. Auf diesem Fundament können sie kreativ sein. Das ist, was dänische Unternehmen wünschen.“(5)

[19]„Gegen Qualifikationen, die den Studierenden später helfen, sich erfolgreich am Arbeitsmarkt zu behaupten, werden die Studierenden nichts einwenden wollen. Aber wenn ihnen die Gesamtaufstellung des 'Unternehmens Universität' deswegen ein wissenschaftliches Studium vorenthält, das den Maßstäben akademischer Fundierung und Freiheit verpflichtet ist, dann haben sie, dann hat die Gesellschaft ein Problem. Andererseits verstehen viele Hochschullehrer womöglich nicht, dass diese Freiheit sie nicht davon enthebt, den Studierenden auch für ihre berufliche Zukunft konstruktive Befähigung zukommen zu lassen. Sie können nicht einfach sagen, das geht mich nichts an. Hier wird die Sache eben kompliziert: wegen einer grundsätzlichen Veränderung der gesellschaftlichen Aufgabenzuweisung an Hochschule (als Ausbildungseinrichtung mit ökonomischer Logik und Struktur) und wegen grundsätzlich unterschiedlicher Traditionen im wissenschaftlichen BildungsdenkenE-Mail v. 1.9.2012

[20]U.Beck, aaO.

[21]Für Authentizität und Inhalt der Dokumente zeichnet allein Dr. Linda Maria Koldau verantwortlich.

 


Dokumentation des Falls Koldau

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